„Darf mein Pferd überhaupt noch auf die Weide?" – diese Frage höre ich im Sommer fast täglich, vor allem von Menschen, deren Pferd schon einmal eine Hufrehe hatte. Die gute Nachricht vorweg: Für die meisten gefährdeten Pferde heißt die Antwort nicht „nie wieder Gras", sondern „ja, aber mit Verstand". Entscheidend ist nicht das Gras an sich, sondern wie viel Zucker gerade darin steckt – und das schwankt enorm. Wenn Du verstehst, wann das Risiko hoch ist, kannst Du Deinem Pferd Weidegang ermöglichen, ohne es zu gefährden.
Wichtig: Hatte Dein Pferd bereits eine Hufrehe oder leidet es an EMS oder Cushing, gehört der Weidegang individuell mit Deiner Tierärztin oder Deinem Tierarzt abgestimmt. Bei akuter Rehe ist die Weide tabu – das ist ein tierärztlicher Notfall. Die folgenden Hinweise sind Orientierung aus Praxis und Fachliteratur, keine Therapieanweisung.
Warum Gras zur Zuckerfalle wird
Der eigentliche Übeltäter heißt Fruktan – ein Zucker, den Gräser bilden und einlagern. Tagsüber betreibt die Pflanze in der Sonne Fotosynthese und produziert Zucker. In der Nacht findet keine Fotosynthese statt, und die Pflanze verbraucht ihre Reserven für das Wachstum. Daraus ergibt sich die wichtigste Regel überhaupt:
Am frühen Morgen ist der Fruktangehalt am niedrigsten, am späten Nachmittag und Abend am höchsten. An einem sonnigen Tag lädt sich das Gras über Stunden mit Zucker auf. Frisst Dein Pferd abends, bekommt es also deutlich mehr Zucker ab als am Morgen.
Wird zu viel Fruktan auf einmal aufgenommen, gelangt es unverdaut in den Dickdarm. Dort gerät die Gärung außer Kontrolle, die Darmflora kippt, und es können Giftstoffe (Endotoxine) entstehen – ein bekannter Auslöser für Hufrehe und Kolik.
Wann das Gras besonders gefährlich ist
Nicht jede Weide ist gleich riskant. Der Fruktangehalt schießt vor allem in diesen Situationen nach oben:
- Sonnige, kalte Tage und Nachtfröste: Wenn die Sonne scheint, aber die Temperatur die Pflanze am Wachsen hindert, produziert das Gras Zucker, kann ihn aber nicht verbrauchen – und lagert ihn ein. Nach klaren, kalten Nächten ist deshalb selbst der Morgen nicht sicher.
- Trockenheit und Hitzestress: Bei Wassermangel stockt das Wachstum, der Zucker bleibt in der Pflanze. Gerade in trockenen Sommerwochen ist scheinbar „kurzes, mickriges" Gras oft besonders zuckerreich.
- Kurz abgefressenes Stressgras: Viel Fruktan steckt in den unteren Stängeln. Eine überweidete, kurz gefressene Koppel ist deshalb tückischer als saftig hohes Gras – ein Irrtum, der viele überrascht.
Eine üppige, gleichmäßig gewachsene Weide an einem milden, bewölkten Tag ist also paradoxerweise oft sicherer als die kahle „Diätkoppel" in der prallen Sonne.
Welche Pferde besonders aufpassen müssen
Ein gesundes, normalgewichtiges Pferd verkraftet Gras meist gut. Besonders wachsam solltest Du sein bei:
- Pferden und Ponys mit EMS (Equines Metabolisches Syndrom) oder Cushing/PPID
- übergewichtigen Pferden und „guten Futterverwertern"
- Rassen, die zu Übergewicht neigen, etwa Ponys, Haflinger oder Tinker
- jedem Pferd, das schon einmal eine Hufrehe hatte
Mehr zu den beiden häufigsten Auslösern findest Du in meinen Beiträgen zu EMS und Cushing.
So gestaltest Du den Weidegang sicher
Du musst Deinem Pferd das Gras nicht komplett verbieten – aber Du steuerst, wann, wie lange und wie viel:
- Tageszeit nutzen: Lass gefährdete Pferde eher in den frühen Morgenstunden grasen und hole sie bis zum späten Vormittag wieder herein. Nachmittags und abends ist der Zuckergehalt am höchsten.
- Vorsicht bei Frost und Trockenheit: An sonnig-kalten Tagen, nach Nachtfrost und in ausgeprägten Trockenperioden lieber ganz auf den Weidegang verzichten.
- Maulkorb (Fressbremse): Ein gut sitzender Weidemaulkorb begrenzt, wie viel Gras Dein Pferd pro Biss aufnimmt, und kann die Grasaufnahme deutlich senken. So bleiben Bewegung und Sozialkontakt erhalten, ohne dass die Zuckermenge explodiert.
- Fläche begrenzen: Mit einem abgeteilten Streifen (Portionsweide) steuerst Du die Menge besser als auf der ganzen Koppel.
- Nicht hungrig auf die Weide: Ein Pferd, das vorher Heu bekommen hat, stürzt sich weniger gierig ins Gras.
Anweiden: langsam ist sicher
Auch wenn die Hauptsaison des Anweidens im Frühjahr liegt – das Prinzip gilt das ganze Jahr, wann immer ein Pferd nach einer Pause zurück aufs Gras kommt: langsam steigern. Der Pferdedarm braucht Wochen, um sich an Gras zu gewöhnen. Beginne mit wenigen Minuten und verlängere die Weidezeit über etwa zwei bis vier Wochen schrittweise. Wer ein gefährdetes Pferd von null auf stundenlange Weide stellt, riskiert genau die Gärung im Darm, die eine Rehe auslösen kann.
Weide und Huf gehören zusammen
So wichtig das Weidemanagement ist – es ist nur die eine Hälfte. Die andere ist der Huf selbst: Ein gefährdetes Pferd braucht eine regelmäßige, anatomisch korrekte Hufbearbeitung, damit der Huf stabil bleibt und eine beginnende Rehe früh auffällt. Beides zusammen – kluges Futter- und Weidemanagement plus ein gut bearbeiteter Huf – ist Deine beste Vorsorge. Wie Du eine Rehe frühzeitig erkennst, habe ich in Hufrehe erkennen zusammengefasst; alles Grundlegende rund um die Erkrankung findest Du auf meiner Seite zur Hufrehe.
Wenn Du unsicher bist, wie viel Weide für Dein Pferd vertretbar ist, schau Dir den Huf gemeinsam mit jemandem an, der Rehepferde kennt. Gern unterstütze ich Dich dabei – melde Dich einfach über mein Kontaktformular, und wir finden einen Weg, der zu Deinem Pferd passt.

Über die Autorin
Sabine Thur
Hufexpertin & Fütterungsexpertin, Institut für ganzheitliche Pferdegesundheit. Seit 2012 auf den Bewegungsapparat des Pferdes spezialisiert – mit Schwerpunkt auf Hufrehe und schweren Hufkrankheiten.

