Bei rehegefährdeten Pferden, bei EMS und bei Cushing dreht sich vieles um eine Zahl: den Zuckergehalt im Heu. Und wenn das Heu mehr Zucker enthält, als Dein Pferd verträgt, gibt es einen einfachen, alten Trick, um ihn herauszuwaschen – das Einweichen. Es funktioniert, aber nur, wenn Du es richtig machst. Falsch eingeweichtes Heu hilft entweder nicht oder schadet sogar. Deshalb lohnt der genaue Blick.
Wichtig vorweg: Einweichen ist ein Werkzeug, kein Heilmittel. Ob und wie streng Dein Pferd zuckerreduziert gefüttert werden muss, hängt von der Grunderkrankung und vom Einzelfall ab. Bei Hufrehe, EMS oder Cushing besprich die Fütterung mit Deiner Tierärztin oder Deinem Tierarzt – idealerweise auf Basis einer Heuanalyse.
Warum überhaupt einweichen?
Im Heu steckt wasserlöslicher Zucker (Fachleute sprechen von WSC – water-soluble carbohydrates, dazu zählt auch das Fruktan). Genau dieser Zucker treibt bei einem stoffwechselkranken Pferd den Insulinspiegel hoch – und ein zu hoher Insulinspiegel ist heute der wichtigste bekannte Auslöser für Hufrehe. Weil der Zucker wasserlöslich ist, lässt er sich aus dem Heu herausspülen: Das Wasser zieht ihn aus den Halmen, Du gießt es weg, und zurück bleibt zuckerärmeres Heu.
Das ist keine Wunderwirkung, sondern Physik – und sie ist gut untersucht. In Studien sank der Zuckergehalt durch Einweichen im Schnitt um etwa ein Viertel bis ein Drittel. Aber – und das ist der entscheidende Punkt – die Schwankungsbreite ist riesig: Je nach Heu und Methode wurden Reduktionen von rund 6 % bis über 50 % gemessen. Du weißt also vorher nie genau, wo Du landest.
Wie lange und wie warm?
Hier kursieren wilde Empfehlungen, von „kurz abduschen" bis „über Nacht". Was die Forschung zeigt:
- Schon 30 Minuten in warmem Wasser (oder rund 60 Minuten in kaltem) senken den löslichen Zucker deutlich – für viele Pferde ist das ein guter, praktikabler Richtwert.
- Wärmeres Wasser wäscht schneller aus als kaltes. Im Sommer ist das Wasser aus dem Schlauch oft schon lauwarm.
- Längeres Einweichen (mehrere Stunden bis über Nacht) zieht zwar noch mehr Zucker heraus, hat aber zwei dicke Haken: Es schwemmt auch Mineralien und Eiweiß mit aus, und es lässt die Keimzahl im Heu stark ansteigen.
Mehr ist hier also nicht automatisch besser. Für die meisten Pferde sind 30 bis 60 Minuten der vernünftige Kompromiss aus Zuckerreduktion und möglichst wenig Nachteilen.
Die Schattenseiten, die kaum jemand erwähnt
Einweichen ist kein kostenloser Trick. Du wäschst nicht nur Zucker aus, sondern handelst Dir auch Probleme ein:
- Keimbelastung. Eingeweichtes Heu ist ein warmes, feuchtes Paradies für Bakterien und Hefen. Messungen zeigen, dass die Keimzahl beim Einweichen um ein Vielfaches ansteigt. Im Sommer geht das rasend schnell – je wärmer, desto kürzer solltest Du einweichen.
- Nährstoffverlust. Mit dem Zucker gehen auch wasserlösliche Mineralien wie Phosphor, Magnesium und Kalium sowie ein Teil des Eiweißes verloren. Eingeweichtes Heu ist also nährstoffärmer als trockenes.
- Das Abwasser. Das braune Einweichwasser ist hoch mit Zucker und Nährstoffen belastet – ein echter Umweltschmutz. Kipp es nicht in den Gully oder den Bach, sondern verteilt auf eine Fläche, fern von den Pferden.
Die wichtigsten Regeln fürs Einweichen
Damit aus dem Werkzeug kein Eigentor wird, halte Dich an ein paar einfache Punkte:
- Immer frisch füttern. Gewässertes Heu gehört direkt nach dem Abtropfen in den Trog – nicht über Stunden stehen lassen und niemals vorrätig einweichen. Was das Pferd nicht frisst, entsorgst Du.
- Im Sommer kürzer. Bei Hitze reichen oft schon 20–30 Minuten; längeres Einweichen lässt die Keime explodieren.
- Richtig abtropfen lassen, damit das zuckerhaltige Wasser auch wirklich abläuft.
- Mineralien ausgleichen. Weil Du Nährstoffe mit auswäschst, gehört zu eingeweichtem Heu ein gutes, zuckerfreies Mineralfutter – sonst sparst Du beim Zucker und reißt eine Lücke bei den Mineralstoffen auf.
- Sauberes Wasser, sauberer Behälter. Algige Tonnen und Pfützenwasser machen das Keimproblem nur größer.
Einweichen oder Bedampfen – was ist was?
Oft wird beides in einen Topf geworfen, dabei verfolgen die Methoden ganz verschiedene Ziele:
- Einweichen senkt den Zucker – aber es erhöht die Keimzahl. Das ist die Methode für stoffwechsel- und rehekranke Pferde.
- Bedampfen (mit heißem Wasserdampf) senkt Staub, Schimmelsporen und Keime und macht das Heu hygienisch sauberer – ideal bei Atemwegsproblemen. Den Zucker senkt Bedampfen aber kaum.
Beides ist also kein Entweder-oder im Sinne von „besser oder schlechter", sondern hängt davon ab, was Dein Pferd braucht. Geht es um den Zucker, führt am Einweichen kaum ein Weg vorbei.
Der ehrliche Haken: Du kennst die Zahl nicht
Das größte Missverständnis ist die Hoffnung, Einweichen mache jedes Heu „rehesicher". Das tut es nicht. Weil die Auswaschung so stark schwankt, kannst Du ohne Heuanalyse nie sicher sein, wo Du am Ende landest. Ein sehr zuckerreiches Heu kann auch nach dem Einweichen noch zu süß für ein empfindliches Pferd sein.
Der bessere Weg ist deshalb immer zweistufig: Erst das passende Heu suchen (eiweiß- und zuckerarm, spät geschnitten – mehr dazu im Ratgeber zur Hufrehe-Fütterung), und dann einweichen, um auf Nummer sicher zu gehen. Einweichen ist die Feinkorrektur, nicht der Ersatz für gutes Grundfutter.
Futter und Huf gehören zusammen
Die richtige, zuckerarme Fütterung nimmt der Rehe den Treibstoff – aber sie ist nur die eine Hälfte der Arbeit. Die andere ist der Huf selbst: Ein durch Rehe veränderter Huf muss anatomisch korrekt bearbeitet werden, damit er sich erholen kann. In meiner Arbeit schaue ich deshalb immer auf beides zusammen – auf den Trog und auf den Huf.
Du bist unsicher, ob Du das Heu Deines Pferdes einweichen solltest, oder möchtest die Fütterung und den Rehehuf gemeinsam durchgehen? Schreib mir oder ruf an – ich begleite Dich gern.

Über die Autorin
Sabine Thur
Hufexpertin & Fütterungsexpertin, Institut für ganzheitliche Pferdegesundheit. Seit 2012 auf den Bewegungsapparat des Pferdes spezialisiert – mit Schwerpunkt auf Hufrehe und schweren Hufkrankheiten.

